Elfjährige Radkurierin in Hamburg
Last Updated on Donnerstag, 15 April 2010 09:19 Written by Cyclehans Donnerstag, 15 April 2010 10:30
Girls’ Day vom 24.04.08

“Wann können wir endlich wieder eine Tour fahren?”
Rosalie strahlt. Sie ist elf Jahre alt und Radkurierin. Jedenfalls für einen Tag. Gemeinsam mit ihrem Vater ist sie auf einem Tandem durch Hamburg unterwegs. Gerade steht sie an der großen Elbstraße. Im Hintergrund fahren rostige Containerschiffe und große Löschkräne scheinbar aneinander vorbei. Doch dafür hat Rosalie keinen Sinn. Sie will heute Sendungen ausliefern.
Einmal im Jahr findet bundesweit der Girls’ Day statt: Ein Tag, an dem Mädchen zwischen 10 und 15 Jahren in Männerberufe reinschnuppern sollen. Vor allem in technischen Berufen sind immer noch überwiegend Männer tätig. Überkommene Rollenbilder in Berufen aufzulösen ist das ideelle Ziel dieser Aktion. Auch in Berufen, die mit Krafteinsatz verbunden sind, sind Frauen selten vertreten.
Obwohl auf dem Tandem unterwegs, muss auch Rosalie ordentlich in die Pedale treten. Vater und Tochter schlängeln sich durch den Verkehr. Autofahrer schauen neugierig auf das Kurierteam. Ihre Kinder sind festgeschnallt auf den Kindersitzen der Rückbank. Sie winken und lachen. Rosalie winkt freundlich zurück und lauscht gleichzeitig auf die Durchsagen am Funk. Sie freut sich, wenn ihr Vater eine neue Tour annimmt, und will gleich wissen, wie viel Geld er dabei verdient.
Bezahlt werden Radkuriere in der Regel pro gefahrener Tour. Im Durchschnitt sind das sieben bis acht Euro. Schnelle und geschickte Kuriere können durch Kombinationen von Touren, um die 30 Euro pro Stunde verdienen.
Rosalie drückt den Gummiknopf am Funkgerät und gibt ihre Position durch. Sie hat Glück: Eine Tour startet ganz in ihrer Nähe. Eine Fotografin will ein geliehenes Objektiv zurückbringen lassen. Sie staunt über die kleine Kurierin und fragt Rosalie aus. Auch andere Kunden wundern sich über das schlanke Mädchen im Sportdress, das ihnen die Sendungen überreicht. “Das ist aber jetzt nicht Kinderarbeit?”, fragt eine Frau einer großen Modelagentur und lacht. Rosalie erklärt geduldig das Projekt Girls’ Day. Dabei packt sie den Zustellbrief sorgfältig in ihre kleine Kuriertasche.
In der Mittagspause treffen die beiden Kuriere Kolleginnen.
“Naja, am Anfang habe ich schon gemerkt, das ich nicht so viel Kraft habe wie ein Mann” , sagt die 26-jährige Anne. “Aber das spielt jetzt kaum mehr eine Rolle. Ich verdiene auch so mein Geld.”
Rosalie sitzt mit ihr in einem Straßencafé am Schulterblatt bei einem Glas Rhabarbersaft und stellt Fragen. Was ihr an dem Beruf so besonders gefalle, fragt sie Anne.
“Es ist die Freiheit, die wir haben. Schau mal, ich kann mich mit euch einfach so verabreden. Das geht in keinem anderen Job.”
Rosalie schreibt fleißig mit. Sie erfährt noch, dass Annes Eltern erst allmählich diesen Beruf akzeptiert haben.
Auch Astrid kennt das.
“Als ich angefangen habe, gab es gerade zwei Todesfälle bei den Hamburger Kurieren. Da war meine Mutter schockiert und wollte nicht, dass ich fahre.”
Astrid ist schon seit zwölf Jahren Kurierin ohne ernsthafte Unfälle. In dieser Zeit hat sie ein Studium abgeschlossen. Sie arbeitet neben dem Kurierjob auch noch als Sportlehrerin.
“Aber weißt du, die Unabhängigkeit des Kurierfahrens möchte ich nicht missen. Und ich fahre wirklich leidenschaftlich gerne Rad.”
Rosalie will weiter. Inzwischen hat sich der blaue Himmel bezogen. Windstöße und Regenschauer machen das Fahren beschwerlicher. Rosalie hindert das nicht kräftig in die Pedale zu treten, um noch eine letzte Tour anzunehmen.
Diese Tour führt schließlich ganz in der Nähe ihrer Wohnung: Es ist Zeit Feierabend zu machen. Für Rosalie endet der Tag als Radkurierin. Von Sonne bis Regen, von Anstrengung bis Entspannung, es war alles dabei, was den Alltag eines Radkuriers ausmacht. Aufgedreht erzählt sie ihrer Mutter beim Abendbrot die Ereignisse des heutigen Tages.
“Meine Beine sind irgendwie ganz kribbelig. Am liebsten würde ich jetzt noch weiterfahren”, sagt sie, während sie in ein Brötchen beißt.
———————————————————————————————————————
———————————————————————————————————————
Infos zum Girls’ Day
Der Girls’ Day findet seit 2001 einmal im Jahr in Deutschland statt: Mädchen sollen an diesem Tag Berufe kennenlernen, in denen bislang überwiegend Männer arbeiten. Dazu zählen vor alllem technische, handwerkliche und naturwissenschaftliche Berufe.
Mädchen ab der fünften Klasse bewerben sich für einen festgelegten Tag in einem Unternehmen. Dort dürfen sie dann einen Tag lang in den jeweiligen Beruf hineinschnuppern.
Der größte Teil der Unternehmen und Institutionen organisiert sogenannte offene Veranstaltungen: Wie bei einem Tag der offenen Tür wird ein festes Programm geboten.
Die andere Möglichkeit ist die direkte Begleitung eines Erwachsenen bei der Arbeit. Meist begleiten hierbei Töchter ihre Eltern.
Hintergrund ist der von der Industrie beklagte Fachkräftemangel. Etwa 800.000 Mädchen haben seit dem Start 2001 in Deutschland teilgenommen.
In Deutschland steht der Girls’ Day unter der Schrimherrschaft des Bundesministeriums für Bildung, des Bundesministeriums für Familie und der Bundesagentur für Arbeit .
Weiterhin sind der Deutsche Gewerkschaftsbund, die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, der Deutsche Industrie- und Handelskammertag, der Zentralverband des Deutschen Handwerks, der Bundesverband der Deutschen Industrie und die Initiative D21 e.V. beteiligt.
Mehr Infos:http://www.girls-day.de/
Ähnliche Aktionen finden in den Nachbarländern Schweiz und Österreich statt.
Österreich: http://www.girlsday.info/ und http://www.girlsday.at/girlsday/
Schweiz: http://www.tochtertag.ch/cms/front_content.php?changelang=1
———————————————————————————————————————
———————————————————————————————————————