Reportage: Radkurier in Hamburg

Last Updated on Dienstag, 15 November 2011 09:26 Written by Cyclehans Dienstag, 15 November 2011 11:37

Eine kleine Reportage, die ich mal vor ein paar Jahren geschrieben habe. Einige Fahrer fahren nicht mehr. Darunter einige Originale – wie Fuffi oder Marco. Trotzdem habe ich den Eindruck, dass noch wesentliche Punkte stimmen.

“Spielen auf einem hohen Level”

“Wer knuspert?” Es rauscht und knackt aus dem schwarzen Funkgerät von Frank. “Fuffi”, antwortet Frank, nachdem er den weichen Gummiknopf am Gerät gedrückt hat. “Fuffi, Franki”, kommt die prompte Antwort des Funkers. 2 Sekunden später ist die Kommunikation abgeschlossen. Frank hat einen Auftrag für eine Kurierfahrt angenommen.

Minuten später taucht er bei einem Fotografen auf, um gleich darauf mit teuren Fotos in seiner breiten Kuriertasche über die Straßen zu sausen. Schmal und verloren wirkt er neben dem bunten Blechband, das sich träge neben ihm bewegt.

Diese Art des Gütertransports entstand in Deutschland um 1880. Blitzgesellschaften oder Messenger Boy Compagnien nannten sich die ersten Kurierdienste damals. Fahrräder gehörten gleich dazu, weil sie die ersten preiswerten und schnellen Nahverkehrsmittel waren.

Es gab dann mit allmählich eine Verlagerung hin zu dem motorisierten Verkehr. Doch in den 1980er Jahren rückte dann mit Umweltbewusstsein und steigenden Spritpreisen wieder das Fahrrad in den Mittelpunkt.

Heutzutage ist das Fahrrad aus dem Kuriergeschäft nicht mehr wegzudenken.

Tom ist Arzt und seit ein paar Jahren Radkurier. Nach seiner Ausbildung hat er schon einige Jahre als Arzt gearbeitet, bevor er sich entschieden hat, einen anderen Weg zu gehen. Als Leiter der Aufnahmestation eines Krankenhauses machte er Erfahrungen mit klinikinterner Hierarchie.

“Da wurden die Medikation und die Arztberichte eigenmächtig durch einen Oberarzt geändert. Da habe ich es wie der Kanzler gemacht und einfach gekündigt.” Ein Gefälle zwischen dem Kurierjob und dem Arztberuf sieht er nicht.

“Auch als Kurier bin ich Dienstleister und muss meine Arbeit gut machen. Die gesellschaftliche Bewertung ist nur für die wichtig, die ihr glauben.”

Es rauscht wieder im Gerät. Im gleichmäßigen Staccato werden Paare von Straßennamen vorgelesen. Dann ein Abrissgeräusch, einen Sekundenbruchteil ist Ruhe und kurz darauf ein Gewirr an Stimmen, die versuchen ihre Nummer in den Vordergrund zu schieben.

” 71, Martin ” “Ich nehm die Feldstrasse zur Admi” ” PPS zu Hansen” “Jo”

So geht es weiter und nach einer Minute sind acht Touren vermittelt.

“Ein bisschen ist das wie mit einem Computerspiel: neben der körperlichen Anstrengung, musst du noch den Verkehr im Auge behalten und die Durchsagen am Funk. Das fordert jeden von uns, aber einige von uns spielen dieses Spiel auf einem ganz hohen Level”, sagt Frank.

“Na ja, es ist halt ein Job bei dem man auch ganz gut verdienen kann.” Gunnar ist pragmatisch. Der ausgebildete Fachinformatiker fährt seit 2003 . Er gehört zu den Kurieren, die beständig von morgens bis abends im Sattel sitzen. Das sichert ihm ein gleichmäßig gutes Einkommen.

“Es gab Zeiten, da ging es mir nicht so gut. Als ich nach Arbeitslosigkeit von der Stütze abhängig war. Dauernde Kontrolle durch die Behörde. Das war ziemlich erniedrigend. Das mit dem Kurierfahren hat mich unabhängig gemacht.”

Bis zu 4000 Euro kann ein Kurier verdienen, wenn er bereit ist, von morgens bis in den Abend hinein zu arbeiten. Nicht jeder will das und so gibt es auch viele, bei denen das Geld gerade zum Leben reicht.

“Dafür bist du Herr über deine Zeit. Bei der Fußballweltmeisterschaft habe ich fast kein Geld verdient.”

Marco lacht. Wieder knackt es im Funkgerät, sein Finger schnellt zum Gerät und im nächsten Moment hat er sich eine Tour geschnappt. Die selbstgedrehte Zigarette raucht er noch in Ruhe zu Ende. Dann verabschiedet er sich und verschwindet im Gewühl der Großstadt.

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3 Comments

  1. Maike   |  Montag, 05 Dezember 2011 at 15:56

    Toll geschrieben! Ich bin gerade am recherchieren da ich evtl. auch als Radkurier arbeiten möchte. Kann man echt bis 4.000 Euro verdienen?

  2. Rudi   |  Montag, 05 Dezember 2011 at 16:48

    Hallo Maike,

    danke für die Blumen:)

    Realistischerweise muss man sagen, dass sich die Verhältnisse schon etwas verändert haben: Es war vor ein paar Jahren defintiv einfacher für disziplinierte Vielfahrer, auf Verdienste wie die angesprochenen zu kommen. Bei Unternehmen wie Inline – wo oben genannte Fahrer fuhren – fällt eine recht hohe Pauschalabgabe und andere Abgaben an – im Moment zwischen 500 – 600 Euro. Die will erstmal eingefahren werden. Allerdings gibt es nach wie vor sehr disziplinierte und trainierte Fahrer, die wirklich gut verdienen.

    Also ich würde mir grundsätzlich sehr genau überlegen, wieviel Du tatsächlich jeden Tag fahren kannst und willst. Vorher legst Du Dir einen Zielwert an Verdienst, den Du zum Leben brauchst fest.

    Dann fragst Du bei den FahrerInnen der jeweiligen Unternehmen und auch beim Unternehmen selbst nach, wieviel ein durchschnittlicher Fahrer fährt und was er pro Stunde etwa verdient. Aus den unterschiedlichen Antworten kannst Du Dir einen eigenen Mittelwert bilden.

    Jetzt kannst Du schon absehen, was an Umsatz so rumkommt. Dann die jeweiligen Bedingungen der Unternehmen geprüft ( also minus Pauschale, Provision, usw.). Voila, einen Betrag zum Abschätzen hast Du gefunden.

    So weit erstmal. Die Fahrradkurierbranche würde ich wirklich im Auge behalten. Gerade im Bereich schneller Lastenräder, wird sich in den Großstädten in den nächsten Jahren einiges tun. Ich denke, da wird es bald auch wieder leichter, gut zu verdienen.

    Gruss Rudi

    P.S. Beim Fahrradkurierforum kann man auch gut nachfragen. Wenn man ein bisschen die Sprücheklopferei abzieht, bekommt man ganz brauchbare Antworten.

  3. Symptome Herzinfarkt   |  Freitag, 03 Februar 2012 at 00:36

    Symptome Herzinfarkt…

    Onlinekuriere…

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